Alleine reisen ist für viele immer noch ein Thema – vor allem für Frauen. Doch warum eigentlich? Es gibt ein paar Challenges, aber auch so viele Vorteile, findet watson-Autorin Ronja. Ein ehrliches Plädoyer für mehr Solo-Urlaub.
Pass gut auf, haben sie gesagt.
Bist du sicher, haben sie gefragt.
Ich musste an die Freund:innen und Bekannten denken, die alarmiert waren aufgrund meiner Solo-Reise in die USA: allerdings nur ganz kurz.
Ich saß gerade in einem roten Mustang-Cabrio mit viel zu lauter Musik und bretterte mit offenem Verdeck durch die Wüste Richtung Las Vegas. Meine On-Repeat-Playlist bei Spotify, die lief, würden die meisten eher speziell finden. Den Wagen wahrscheinlich völlig überzogen. Für mich war es der perfekte Moment, und ich konnte nicht aufhören, vor Glück zu heulen.
Es war nicht das erste Mal, dass ich alleine verreist bin.
Ich war mit 25 alleine in Marokko. Drei Jahre später in Abu Dhabi. Und in Paris war ich schon oft ohne Reisebegleitung. Manchmal treffe ich vor Ort Menschen, die ich kenne, zumindest für einen Teil meines Aufenthalts. Aber die Momente, die ich alleine erlebe, gehören oft zu den schönsten.
Dennoch ist alleine Reisen für eine Frau offenbar immer noch ein Ding. Das wird mir vor allem von anderen gespiegelt. Was manche dabei nicht verstehen können, ist, dass ich alleine verreisen will und nicht muss. Aber selbst, wenn man muss (zum Beispiel, weil man als Frau, die nicht in einer Beziehung ist, niemanden im Freundeskreis gefunden hat, der mit will) ist alleine Reisen nichts, wofür man mitleidig angesehen werden müsste. Nichts, was einem unangenehm sein sollte. Alleine zu verreisen, ist eine Chance. Man lernt nicht nur das Urlaubsziel, sondern ziemlich sicher auch sich selbst neu oder anders kennen.
Es gibt so viele Vorteile – für mich sind die wichtigsten:
・Alleine zu reisen macht was mit dem Selbstbewusstsein: Klar. Man wird immer wieder konfrontiert mit Ängsten und Unsicherheiten. Man muss Probleme eigenständig lösen. Es wäre naiv, all das gar nicht mitzudenken. Doch zu merken, dass es funktioniert, fühlt sich ohne Übertreibung geradezu selbst ermächtigend an. Reisen verändert, heißt es. Fürs alleine Reisen gilt das umso mehr: Ich kann jedenfalls kaum sagen, wie gut das Gefühl war, zu merken, dass ich in Los Angeles ein Auto mieten kann, ohne gleich an der ersten Ampel abgezogen zu werden.
・Die absolute Freiheit: Man kann von morgens bis abends genau das machen, was man will. Im eigenen Tempo. Ganz ohne Kompromisse. Wenn ich alleine ins Museum gehe, entscheide ich nicht nur in welches, sondern auch, wie lange ich vor welchem Exponat verweile, ohne auf eventuell bereits gelangweilte Mitreisende zu achten.
・Und schließlich ist ein großer Vorteil: neue Kontakte. Denn alleine Reisen heißt nicht, dass man die ganze Zeit alleine sein muss. Es ist eher das Gegenteil. Man kommt viel leichter mit anderen in Kontakt, wenn man nicht in Gesellschaft unterwegs ist. Man wird von anderen angesprochen und traut sich vielleicht auch selbst eher anzusprechen. Ich werde beispielsweise nie vergessen, wie ich in Paris im Centre Pompidou von einem gut aussehenden Tubaspieler angequatscht wurde, mit dem ich mich ewig über Kunst unterhalten habe – bevor wir in einer versteckten, wunderschönen Weinbar um die Ecke versackt sind.
Alleine Reisen scheint nicht nur bei mir ein Ding zu sein.
Es gibt Reiseunternehmen, die Trips nur für Frauen organisieren. Mit "The Female Explorer" gibt es sogar ein Reisemagazin für alleinreisende Frauen. Und auch bei aktuellen Erhebungen zeichnet sich dieser Trend deutlich ab. 74 Prozent der befragten Frauen haben in einer Umfrage der Plattform Trip Advisor angegeben, bereits einmal alleine verreist zu sein oder es zu planen. Das Hotelunternehmen Hilton nennt diesen Trend "Me-Mooning" (im Gegensatz zu Honeymooning).
Die Gründe sind sicher vielfältig. Einer, der auf der Hand liegt, ist, dass viele Menschen heute Singles sind: nämlich fast jede dritte Person in Deutschland, laut einer Parship-Studie von 2024. Aber nur weil man ohne Partner:in ist, heißt das ja nicht, dass man keine Lust auf Urlaub hat.
Warum es ein absolutes No-Go ist, eine Frau auf ihre Schwangerschaft anzusprechen
Anders als früher ist eine Beziehung oder sogar eine Ehe heute für viele nicht mehr die Idealvorstellung. Gerade Frauen definieren sich nicht mehr darüber. Immer weniger Menschen geben noch etwas auf die tradierten Rollenbilder, nach denen unsere Gesellschaft funktioniert. Manche scheinen es heute geradezu peinlich zu finden, einen Freund oder Ehemann zu haben. Ein "Vogue"-Artikel, der dieses Phänomen beschreibt, sorgte gerade für großes Aufsehen: So vermeiden junge Frauen es, selbst wenn sie in einer Beziehung sind, das auf Social Media zu zeigen. Pärchenfotos auf Instagram oder Tiktok finden viele fast altmodisch.
All das zeigt, Frauen brauchen heute keinen Boyfriend mehr. Natürlich auch nicht zum Reisen.
Doch es gibt einen Aspekt, warum auch ich glaube, dass Solo-Reisen bei Frauen ein anderes Thema sind als bei Männern – und zwar, wenn es um Sicherheit geht.
Grundsätzlich bin ich überzeugt davon, dass es nichts gibt, was Frauen nicht genauso wie Männer tun könnten. Doch es gibt nun mal Länder, in denen man als Frau auch heute nicht genauso ernst genommen wird wie Männer. Selbst in Marokko werden verwitwete, geschiedene oder alleinerziehende Frauen und ihre Kinder bis heute benachteiligt. Und dass ich mit Mitte 20, als ich da war, noch nicht verheiratet war, war für Marokkaner:innen mehr als verdächtig.
Daher verstehe ich jede Frau, die Sicherheitsbedenken hat, wenn sie alleine verreist: Es wäre auch reichlich naiv, sich neben der Frage "Wie viel muss ich einpacken?" überhaupt nicht zu überlegen, wie sicher der Urlaubsort ist.
Grundsätzlich gilt, je besser die Vorbereitung vorab ist, umso weniger unangenehme Überraschungen erlebt man vor Ort. Es muss aber auch nicht jede Solo-Reise als Frau auf einen anderen Kontinent führen. Europa, gerade Spanien oder Italien, sind beliebte Urlaubsziele für Alleinreisende. Oder Japan, wo es verglichen mit anderen Ländern kaum Kriminalität gibt. Am Ende geht es vor allem darum, die richtige Balance zwischen Vorsicht und Abenteuer zu finden. Und da muss jede:r auf das eigene Bauchgefühl hören.
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Zwei Dinge zum Schluss.
Natürlich verreise ich auch gerne in Begleitung. Mit meinem Partner, mit Freund:innen, der Familie. Man kann sich austauschen und Momente teilen. Auch ich halte das für etwas Schönes. Ich bin ja keine Misanthropin. Aber alleine in den Urlaub zu fahren, geht eben auch. Keine der beiden Reisearten ist besser oder schlechter. Alleine Reisen ist einfach anders.
Mein Plädoyer fürs alleine Verreisen heißt natürlich nicht, dass ich nicht bereits negative Erfahrungen gemacht habe. Ich hatte in San Francisco in manchen Straßenzügen echt Angst, überfallen zu werden. Ich war auf fast jeder Reise irgendwann erschöpft, wurde missverstanden, kam mir auch mal alleine vor. Und ich habe mich verlaufen, unendlich oft. Aber all das ist okay. Es ist total normal.
Und ehrlich: Was ist all das schon gegen den perfekten Moment mit dem roten Mustang-Cabrio?
2026-01-13T07:19:58Z