URLAUB IM KRISENLAND? WARUM IMMER MEHR MENSCHEN NACH LIBYEN REISEN

Libyen war jahrelang ein Synonym für Krieg und Chaos. Jetzt reisen wieder Tourist:innen ins Land – mit Polizeieskorte, E-Visa und viel Abenteuerlust. Wie sicher ist das wirklich?

Libyen galt jahrelang als No-Go-Zone: Bürgerkrieg, Milizen und Gewalt prägten das Bild. Doch langsam ändert sich das: Das nordafrikanische Land versucht gezielt, wieder internationale Tourist:innen anzulocken – trotz Sicherheitsbedenken und Reisewarnungen.

Seit rund zwei Jahren arbeitet die libysche Regierung daran, den Tourismus neu zu beleben. Im November 2025 führte James Wilcox, Gründer des Abenteuerreise-Anbieters Untamed Borders, erstmals seit 14 Jahren wieder eine Reise in den Süden Libyens.

E-Visa, Museen, Wüstenevents: Libyen macht sich bereit für Gäste

Ein zentraler Hebel bei dem neuen Branding ist das E-Visa-System, eingeführt im Jahr 2024. Was früher monatelange Behördengänge erforderte, läuft heute digital – die Genehmigung dauert meist nur wenige Wochen.

Parallel investiert das Land in seine Sehenswürdigkeiten. Historische Stätten wie Sabratha und Leptis Magna wurden restauriert, neue Attraktionen eröffnet. Laut Regierung besuchten allein im ersten Halbjahr 2025 rund 282.000 Menschen Libyens wichtigste archäologische Orte.

Auch kulturell bewegt sich etwas:

・Das Nationalmuseum in Tripolis öffnete nach 14 Jahren wieder seine Türen.

・Die Altstadt von Tripolis wurde mit Unesco-Hilfe renoviert.

・Großprojekte wie der Al-Andalus Tourist Complex (Hotels, Marina, Einkaufszentren) werden wieder aufgenommen.

・Events wie eine Wüstenrallye in Wadi al-Hayat sollen Aufmerksamkeit schaffen.

・Eine neue nationale Fluglinie soll internationale Verbindungen verbessern.

Touristen kehren zurück – vorsichtig, aber zahlreicher

Die Strategie zeigt Wirkung.Laut Tourismusminister Nasr El-Din Al-Fezzani stieg die Zahl der Besucher:innen im ersten Halbjahr 2025 um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, berichtet "Euronews".

Auch Reiseveranstalter spüren den Trend. Untamed Borders meldet innerhalb eines Jahres einen Buchungsanstieg von 200 Prozent. Die Nachfrage für 2026 liegt bereits über dem Niveau von vor zwei Jahren.

Wilcox erklärt den Aufschwung mit einer Phase relativer Stabilität. Regionen, die über ein Jahrzehnt unzugänglich waren, können wieder bereist werden – etwa die Sahara im Süden mit:

・den Unesco-Stätten im Jebel Acacus

・den Oasen von Ubari

・der Wüstenstadt Ghat

・sowie Ghadames, einer weiß getünchten Oasenstadt an der Grenze zu Tunesien

Auch Reisen nach Ostlibyen – etwa nach Bengasi, Apollonia und Kyrene – stehen wieder auf dem Programm.

Reisen mit Polizeieskorte – Pflicht statt Ausnahme

So sehr sich Libyen öffnet: Reisen bleiben kompliziert. Tourist:innen benötigen Genehmigungen, müssen Sicherheitsauflagen erfüllen und werden verpflichtend von Polizeikräften begleitet. "Die Beamten sind meist entspannt, aber man kann nicht spontan die Route ändern", sagt Wilcox gegenüber "Euronews". Jede Abweichung muss neu genehmigt werden.

Der französische Anwalt Didier Goudant, der 2025 mitreiste, war zunächst skeptisch, wurde aber positiv überrascht: Die Polizisten seien unbewaffnet und in Zivil gewesen, eher Helfer als Kontrolleure. An Checkpoints sorgten sie für reibungslose Abläufe. Einer der Beamten in Tripolis habe sogar selbst Fotos gemacht, es war auch für ihn Neuland.

"Do not travel" – und trotzdem unterwegs

Viele Staaten – darunter auch Deutschland und Großbritannien – raten offiziell dennoch von Reisen nach Libyen ab. Standard-Reiseversicherungen greifen dort nicht. Goudant lässt sich davon nicht abschrecken. Er habe Erfahrung mit Ländern wie Afghanistan oder Irak – und betont: "Wenn man Libyen hört, denken viele noch an Krieg. Das entspricht oft nicht mehr der Realität."

Meldung

Dennoch bestehen vor allem für Frauen und LGBTQ+-Personen zusätzliche Risiken. Homosexualität ist illegal, öffentliche Zuneigung tabu. Frauen sollten auf zurückhaltende Kleidung achten.

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Die touristische Infrastruktur ist im Aufbau. In Tripolis gibt es inzwischen internationale Hotels wie das Radisson Blu, frequentiert von UN-Mitarbeitenden und Diplomaten.

Im Süden sieht es etwas weniger luxuriös aus. In Ghat werden Hotels renoviert, doch viele Reisende übernachten in Gästehäusern oder campen direkt in der Wüste. "Die Landschaft ist einfach wow", sagt Goudant. "Die Dünen der Sahara sind unglaublich." Er würde jederzeit zurückkehren.

2026-01-16T10:49:58Z